Die Überforderung mit der Unterforderung
Die Überforderung mit der Unterforderung

Die Überforderung mit der Unterforderung

Der Welpe und seine emsigen Besitzer

Ich habe mir einen Hütehund in meine Familie geholt. Natürlich hab ich mich vollends darauf vorbereitet. Bücher gelesen. Foren gestalkt. Martin Rütter geschaut und YouTube-Channels mit Hunde-Content gesuchtet.

„Wir starten früh mit eine Stunde Gassi. Zur Mittagspause kommt Frauchen auch nach Hause, wieder eine Stunde Gassi. Nebenbei etwas Nasenarbeit. Dann lernen wir noch schnell an der Bordsteinkanten immer Sitz zu machen. Ach ja, brav neben der Frau, die mich füttert, herlaufen muss man auch können. Okay manchmal nicht. Hundetreffen sind nämlich auch immer mega wichtig. Natürlich regelmäßig, 2 mal die Woche, und dann kommt noch die wöchentliche Hundeschule dazu. Bei Oma und Opa darf ich mich immer etwas mehr daneben benehmen. Und ich habe gehört, manche müssen sogar täglich mit auf die Arbeit. Nach der Arbeit kommt Frauchen immer heim und dann geht’s nochmal zwei Stunden raus. Schließlich bin ich ein Hütehund und brauch viel Auslauf, um mich auszupowern. Dann gibt es etwas Schmuserei daheim und dann trainieren wir noch ein paar Kunststückchen. Ich bin jetzt 6 Monate alt – und ein vollkommen überdrehter Hund, der nicht gelernt hat, auch mal ruhig zu bleiben. Ich zeige das, indem ich dir in die Füße zwicke oder indem ich wie von der Tarantel gestochen losflitze. Wenn mir was gar nicht in den Kram passt, schnappe ich auch mal nach Händen oder Füßen. Dabei ist mir vollkommen gleich ob Frauchen, Herrchen oder fremde Hunde. Vielleicht mache ich das aber auch, weil mir meine Zähne ganz fürchterlich weh tun?! Meine ersten Gelenkprobleme habe ich glaube ich auch schon, ich sag es aber keinem, denn meine Beine können sich nie richtig ausruhen. Ich renne doch so gern Stunden mit anderen wild umher. Manchmal humpel ich, aber das ist nur ganz kurz in der Früh, ich glaube weil ich schon Treppen laufen darf – mir aber egal. Das macht ja immer so Spaß, da hoch zu rennen. Aber eigentlich bin ich sehr müde… Gääähn – zzzzzztzzzzttttzzz – Gott sei dank, es war nur ein Traum.“

Stur und clever = Corgi

Fangen wir einfach noch einmal ganz von vorne an. Entfernt euch etwas von dem Gedanken “Hütehunde – mega intelligent und brauchen viel Auslauf und permanent Beschäftigung”. Natürlich, er ist einst als Hütehund gezüchtet worden, der sogar verschiedenste Situationen erkennen, analysieren und verstehen musste. Aber ihr habt euch in erster Linie einen Weggefährten in euer Leben geholt, einen Partner. Corgis sind clever und stur. Keine Frage. Und sie kennen deine Mimik und dein Verhalten binnen weniger Tage. Viel schneller als du SIE verstehst. Also atmet jetzt einmal tief durch und entspannt. Ich weiß, das ist manchmal schwerer getan als gesagt, aber genießt in erster Linie den Alltag mit eurem Hund. Corgis lernen mit besonderem Eifer, vor allem aber, um zu gefallen. Denn sie lieben es, ihren Menschen zu beeindrucken. Vielleicht mehr als eine andere Rasse, ja. Und ja, sie brauchen vielleicht auch etwas mehr Auslauf als andere – das ist klar. Lasst euch davon aber nicht verunsichern oder glauben machen, dass ihr nicht genug tut. Und vor allem: Wollt nicht zu viel auf einmal.

Lernen bis ins hohe Alter

Hunde können bis ins hohe Alter immer noch etwas neues lernen. Also muss nicht alles im ersten halben Jahr sitzen. Ihr habt im besten Fall also 15 Jahre und mehr Zeit für alle Tricks und Kommandos dieser Welt. Sie lieben es genauso wie ihr, auch einfach mal ein Wochenende auf der Couch zu verbringen und nur für das Nötigste vor die Tür zu gehen. Die Zeit MIT euch ist dabei am wichtigsten. Und nicht der ganze Trubel, den ihr veranstalten wollt, um dem Hund etwas vermeintlich zu ‘bieten’.

Sucht euch daher max. zwei, drei Dinge raus, die für euch zu Beginn wichtig sind und fangt damit an. In erster Linie sollte das sein, das Wort ‘Ruhe’ oder ‘Pause’ positiv zu verknüpfen. Ablegen und entspannen lernen, beispielsweise wenn Besuch da ist oder nach der Gassirunde sich eben abzulegen und nicht noch durch die Wohnung zu kaspern und das Kauzeug vom Morgen zu verschlingen. Aber ganz ehrlich, selbst wenn das MAL passiert – dann ist das eben so. Aber du als Sozialkontakt Nummer Eins solltest sagen können, wann Schluss ist. Für mich persönlich war noch das Wort ‘Stop’ sehr wichtig. Gerade für draußen und eventuelle Gefahren, die plötzlich auftauchen können. Begonnen haben wir solche Dinge aber IMMER in Ruhe – drinnen. In gewohnter, reizarmer Umgebung. Draußen kann man von den Klleinen noch nicht so viel verlangen.

Wochenplanung

Hunde brauchen keine durchstrukturierte, minutiös ausgearbeitete Wochenplanung. Ich sag es immer wieder gern: Spielerisch nebenbei lernen – mal hier 5 Minuten, mal da 5 Minuten ist vollkommen ausreichend. Denkt bei solchen Anstrengungen wie eine Stunde Gassi in der Welpenzeit z.B. auch immer daran, dass eine Stunde dem ausgewachsenen Hund irgendwann nicht mehr reicht. Dann werden es zwei Stunden, drei Stunden und irgendwann müsst ihr fünf Stunden raus, weil der Hund nicht genug bekommt. “Aber dadurch ist der Hund super ausgelastet”, denkt sich vielleicht nun der ein oder andere. Dieses Wort ist leider jedoch vollkommen falsch interpretiert, denn ich will den Hund nicht ausLASTEN (etwas auflasten), ich will ihn positiv, am besten mit Erlebnissen zusammen mit mir beschäftigen – wenn möglich mit meiner eigenen inneren Ruhe sozialisieren. Am Ende habt ihr eine Stresslette und Balljunkie mit früh einsetzender Arthrose.

Sozialisierung ist ja so wichtig

Wie viel Sozialkontakt mit Artgenossen braucht ein Hund? Stichwort Hundeschule. Das Wort „sozial“ stammt vom Lateinischen „gemeinsam“ ab und bedeutet so viel wie höflich, rücksichtsvoll, hilfsbereit. Genau das ist ein Hund – in seinem Ursprung. Hören wir doch also auf, ihm sozial zu sein einbleuen zu wollen, denn sie sind es – eigentlich.

Der wichtigste Sozialkontakt im Leben DEINES Hundes bist DU. Und NICHTS anderes!

Der wichtigste Sozialkontakt in seinem Leben bist du und ich rede an dem Punkt nicht über Trainingseinheiten, die ihr absolviert und welche dem Hund durchaus Spaß machen und eine sinnvolle Beschäftigung sein können. Aber müssen wir unsere Hunde militärisch ins Sitz bringen und ohne Regung an anderen Hunden vorbei schleusen um sie anschließend in eine Hundegruppe zu entlassen, mit denen sie vielleicht im “realen Leben” nie etwas zu tun haben wollen würden? Denkt nur mal an euch: Ihr könnt auch nicht jeden leiden. Warum also mit solchen “Sozial”-Kontakten den Hund stressen.

Pippi-Euphorie

Quietschendes Gekreische und ein fiependes „FEIIIIIIIIIN“ gehören nicht unbedingt zum stressfrei sein. Denn das ist eigentlich das vollkommene Gegenteil zu der inneren Ruhe, die ich ausstrahlen und dem Hund vermitteln will. Etwas Euphorie beim Pippi machen draußen ist ja okay – damit sie lernen. Aber man muss dieses Lob nicht so extrem unruhig in den Hund regelrecht eintrichtern. Ein ruhiges und leises “Fein” oder “Prima” ist doch vollkommen ausreichend (laute und hohen Töne sind im Übrigen in Hundesprache eher ein Signal für Gefahr). Beim Wort „Nein“ brüllst du ihn ja auch nicht in Grund und Boden. Ich rede hier immer nur vom normalen Alltag. Natürlich verkraftet der Hund auch mal ein Donnerwetter, weil er einfach nicht die Kaka da am Wegesrand fressen soll. Gefühle wie Wut, Unverständnis, Ungeduld, Ärger gehören aber nicht zum Umgang mit einem Hund. Menschen zeigen damit nur die eigene Hilflosigkeit und Überforderung mit einem Hund umzugehen. Versucht gerade im Alltag positive Dinge, die euch im Verhalten des Hundes gefallen, spielerisch nebenbei und in Ruhe zu bestätigen. Vielleicht lasst ihr auch einfach mal ein Keksi fallen, wenn sie sich ruhig verhalten – ohne etwas groß dazu zu sagen.

Logik

Ein Hund denkt nicht so wie wir Menschen. Logisches Denken ist ihm fremd. Nicht er, sondern der Mensch muss sich in seine Welt des Lernens begeben, ihn dort abholen, wo er steht. Und wenn es eben auch bedeutet längere Zeit mal alleine Gassi zu gehen – das kann so entspannt sein, sag ich euch. Denn mit einem Junghund, der gerade ein Pubertier ist, MÜSST IHR NICHT die wöchentlichen Hundetreffen einhalten, weil der Hund ja Kontakte braucht. Der Hund hat davon keinen Mehrwert, wenn ihr euch genervt und vollkommen angespannt in eine solche Gruppe begebt. Macht es erst dann wieder, wenn ihr zusammen im Vertrauen als Einheit laufen könnt, wenn ihr euch gut dabei fühlt. Und fangt dann vielleicht mit EINEM Hundefreund wieder an und nicht gleich einer 10 Hunde starken Mannschaft.

„Leinenzwang“?!

Was mir auch immer wieder auffällt: Lasst dem Kleinen auch mal Leine. Oft neigt man dazu, die Leine viel zu kurz und zu verkrampft zu halten. Sie müssen doch noch nicht perfekt neben euch laufen. In erster Linie ist es doch ein Traum für euch und den Hund, dass er ohne straff gespannte Leine neben euch herlaufen kann. Macht die Schleppleine dran. Ich rede an dem Punkt nicht von solchen Flexikasperleinen (ja, ich nenne sie so), denn bei diesen Leinen weiß der Hund nie, wann ist die Leine locker und wann wird sie ran genommen (Straße, Menschen, Autos , andere Hunde …)?! Sie ist mal einen Meter lang, mal 3. Hier kann sich kaum ein Hund an etwas orientieren. Also entscheidet der Hund ja an dem Punkt: „Okay jetzt geh ich da hin oder dort lang.“ Automatisch entsteht eine Überforderung, denn ich lasse den Hund entscheiden. Keine Angst: Wer später mit solchen Leinen handlen möchte, soll das natürlich tun.

Jeder, der auch nur ansatzweise diesen Artikel bis zum Ende liest macht doch schon alles richtig. Denn IHR habt euch Gedanken gemacht und IHR macht auch nicht zu wenig. Wir reden ja hier nicht vom 24/7-Couchpotato-Ami-Hund. Ich wünschte mir an der Stelle, ich könnte mir meine eigenen Worte in die Vergangenheit schicken – was hab ich nicht selbst alles falsch gemacht.

„To do …“ – ein paar Richtlinien

Dein Hund ist 3 Monate

  • Früh 15 Min. / Mittag 15 Min. / Nachmittag 20 Min. / vor dem Schlafen gehen 5 Min. – nur zum pullern / Nachts 5 Min. – nur zum pullern
  • über den Tag kleine Lerneinheiten, kein aktives „DAS LERNEN WIR JETZT“ – spielerisch, nebenbei die Dinge im Alltag zeigen – Bindung / Vertrauen schaffen
  • 22h Schlaf im Alltag vollkommen normal, dadurch ist der Hund nicht unterfordert, im Gegenteil, er schläft sich groß und die Knochen wachsen so wie sie es sollen
  • Keine Treppen laufen!

Dein Hund ist 6 Monate

  • Früh 20 Min. / Mittag 20 Min. / Nachmittag 30 Min. / Abends 10 Min. – nur zum pullern
  • 3 mal die Woche kleine Trainingseinheiten
  • 22h Schlaf im Alltag vollkommen normal. Einen Welpen kann man in dem Sinne auch nicht unterfordern. Denn es gibt immer Neues zu entdecken!
  • Ein paar Stufen hoch am Tag sind okay (bitte keine ganze Etage) – noch nicht runter laufen lassen! Die Knochen sind noch im Wachstum. Auch zu lange Spaziergänge können schon zu viel sein. Macht Pausen. Nehmt sie hoch. 1h Hunderunde mit Freunden wäre schon extrem viel – an der Stelle sollte man dann die nächsten 2-3 Tage definitiv kürzer treten.

Dein Hund ist 1 Jahr

  • Früh 30 Min. / Mittag 30 Min. / Nachmittag 45 Min. / Abends 5 Min. – nur zum pullern
  • 5 mal die Woche kleine Trainingseinheiten zu je 5-10 Min.
  • 20h Schlaf im Alltag vollkommen normal
  • Ein paar Stufen runter sind nun auch okay – hoch laufen dürfen sie nun auch etwas mehr (stärkt sogar leicht den Muskelaufbau).

Dein Hund ist 2 Jahre

  • Früh 30 Min. / Mittag 30 Min. / Nachmittag 1h / Abends 5 Min. raus zum pullern
  • 3 mal die Woche kleine Trainingseinheiten – Gelerntes immer wieder festigen, hier und da mal etwas Neues lernen.
  • 20h Schlaf im Alltag vollkommen normal
  • Runter trage ich meinen Hund nach wie vor IMMER. Ich möchte die Stauchung einfach vermeiden. Im Junghundalter habe ich das Treppensteigen nur insoweit gefördert, als dass keine Angst davor entsteht und ich im Fall, dass die Hände mal nicht frei sind, nicht noch einen 15 kg schweren Hund zu tragen habe. Hochlaufen darf er nun bis in die 3. Etage durchaus zwei mal täglich.

Janine Huber


Fotos: © Frech-Fuchs Photographie

2 Kommentare

  1. Florian

    Liebe Janine,
    seit einer Woche lebt unser kleiner Charlie jetzt bei uns. Obwohl er sich super entwickelt und uns so viel Freude bereitet, habe ich mich überfordert gefühlt. Meine Freundin hat mir deinen Blogeintrag zu Überforderung gezeigt und es war für mich ein wahrer Knotenlöser. Genau das habe ich gebraucht, vielen Dank!
    Wir freuen uns auf das erste deutschsprachige Buch über Corgis und weitere schöne Beiträge.
    Viele Grüße

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